Das Versprechen der Zarin –
und was daraus wurde

Im 18. Jahrhundert, als Deutschland unter Armut und den Folgen des Siebenjährigen Krieges litt, rief Zarin Katharina die Große die Deutschen nach Russland. Ihre Absicht war es, das Land mit tüchtigen Arbeitern und Bauern zu stärken. Sie lockte mit Privilegien wie Religionsfreiheit, freier Berufswahl und Befreiung vom Militärdienst. Tausende folgten dem Aufruf und wagten einen Neuanfang.

Doch mit der Zeit wandelte sich ihr Schicksal. Kriege machten die einst willkommenen deutschen Siedler zu „Volksfeinden“.

Ihre Privilegien wurden entzogen, sie erlebten Verfolgung, Enteignung und Deportationen – viele verloren ihre Heimat und ihr Leben.

01 / Geschichte

Wie aus den Deutschen Russlanddeutsche wurden

01 / Geschichte

Wie aus den Deutschen Russlanddeutsche wurden

Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts öffnete sich ein neues Kapitel: Die Nachfahren dieser Siedler, die über Generationen in Russland gelebt hatten, bekamen die Möglichkeit, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren – nach Deutschland.

Über spezielle Migrationsverfahren kehrten sie als sogenannte Spätaussiedler zurück. Heute leben etwa 2,4 Millionen Russlanddeutsche in Deutschland und bilden damit die drittgrößte Migrantengruppe des Landes.

Soziologin Dr. Marit Cremer,
Expertin für russlanddeutsche Identitäten

Russlanddeutsche stehen oft zwischen zwei Welten – zwei Identitäten, die sich gegenseitig zu widersprechen scheinen. In Russland galten sie als „Faschisten“, gezeichnet von Vorurteilen und Misstrauen. Doch auch in Deutschland, dem Land ihrer Vorfahren, begegnete man ihnen nicht mit offenen Armen. Statt einer willkommenen Rückkehr wurden sie als „Russen“ verspottet, oft abwertend als „russische Schweine“ bezeichnet. Zwischen Ablehnung und Anpassungsdruck suchen sie nach einem Ort, der sich wie Heimat anfühlt – einem Ort, an dem sie weder Fremde noch Feinde sind. Diese Zerrissenheit prägt nicht nur ihre Identität, sondern auch ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Ein Stück Heimat in der Fremde

Inmitten der weiten russischen Landschaft bewahrten die deutschen Siedler nicht nur ihre Bräuche und Traditionen, sondern auch ihre Sprache – ein wertvolles Bindeglied zur Heimat. Wie die Russlanddeutschen lebten, feierten und sprachen, und wie diese kulturellen Erbes trotz großer Entfernungen und vieler Herausforderungen über Generationen hinweg weitergegeben und zugleich verändert wurden.

Wohnen

“Der fresst grad wie a drescher.”

Russlanddeutsche lebten in schlichten, funktionalen Räumen, oft mit lokal gefertigten Möbeln und traditionellen Elementen wie einem Samowar, der den Alltag prägte.

Essen

“grautgoge, gahdovil und vorscht.”

Der Strudel der Russlanddeutschen ist eine herzhafte Variante, meist mit Kartoffeln gefüllt und mit Tomatensoße serviert. Er unterscheidet sich vom klassischen Apfelstrudel, da er herzhaft zubereitet wird.

Sprache

“бакенбард”

“Backenbart”
Die Mode der Koteletten verbreitete sich von England nach Deutschland und schließlich nach Russland, wo sie durch Alexander Sergejewitsch Puschkin bekannt wurden. Das Wort „бакенбард“ leitet sich von den deutschen Wörtern „Backen“ (бакен) und „Bart“ (бард) ab. Wörtlich übersetzt bedeutet es also „ein Bart, der auf den Wangen wächst“.

Alltag

“tes kimmert dich goa net.”

Die Sommerküche, die besonders in ländlichen Gebieten verbreitet war, diente in den warmen Monaten als zentraler Arbeitsort, um Mahlzeiten zuzubereiten und Vorräte einzukochen, ohne die Hauptküche zu überhitzen.

Hochzeit

“Mei Knecht.”

Das Hochzeitsessen der Russlanddeutschen war von Tänzen und Gesängen begleitet, unterbrochen durch Bräuche wie den Brautraub und das Stehlen des Brautschuhs mit anschließendem Rückkauf.

Sprache

“Дуршлаг”

Das Wort „Дуршлаг“ (Küchensieb) wurde aus dem Deutschen entlehnt. Es stammt von „Durchschlag“, das wiederum vom Verb „durchschlagen“ abgeleitet ist. Der Name bezieht sich auf den Boden des Siebs, der mit zahlreichen kleinen Löchern durchsetzt ist.

Wohnen

“Ville Leit glaabe an Gott.”

Künstlerisch gestaltete Bibelsprüche mit Blumenmustern und christlichen Symbolen waren ein typisches Merkmal der volkstümlichen Kunst evangelischer Russlanddeutscher, besonders unter Mennoniten.

Familie

“fahr nit so schnell, aber macht das Hamm kommscht.”

Traditionell gab es in den Familien der Russlanddeutschen viele Kinder.

Alltag

“Dahs eest goad.”

Der Lehmofen diente den Russlanddeutschen zum Backen von Brot und stand häufig im Freien. Die massive Bauweise sorgte dafür, dass die Hitze lange gespeichert wurde und das Brot gleichmäßig ausbacken konnte.

Wohnen

“Eisch gee hahm.”

Die Wohnräume waren komfortabel eingerichtet, meist mit handgefertigten Möbeln, teils vor Ort hergestellt, teils aus ursprünglichen Siedlungsgebieten wie dem Wolgagebiet mitgebracht.

Essen

“Krebel.”

Dieses traditionelle Gericht der Russlanddeutschen erinnert an das russische Chvorost, jedoch sind Krebli im Gegensatz dazu fluffig und weich.

Sprache

“бутерброд”

“Butterbrot”
Das Wort бутерброд stammt aus dem Deutschen und bedeutet „Brot mit Butter“ (von Butter „бутер“ + Brot „брод“). In gedruckten Quellen ist es mindestens seit 1824 in der Form „Бутерброд“ nachweisbar.

02 / Migration & Integration

Wie Russlanddeutsche in Deutschland Fuß fassen

Das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz von 1993 unterstützte die Integration der Russlanddeutschen durch finanzielle Hilfen und klare Regeln. Ältere Russlanddeutsche erhielten je nach Geburtsjahr bis zu 6000 DM. Deutschkenntnisse waren für Ehepartner und Nachkommen verpflichtend, während Integrationskurse kostenlos angeboten wurden. Das Bundesverwaltungsamt sorgte für einheitliche Verfahren.

Kornelius Ens,
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold

Drei Generationen berichten

ERNA

„In Deutschland waren wir Fremde, trotz unserer Sprache. Manchmal hat es wehgetan, wenn sie uns fragten, woher wir wirklich kommen.“

1950

Zhanna

„Ich habe meine Heimat verlassen, um euch eine bessere Zukunft zu geben. Es war nicht leicht, in einem Land neu anzufangen, das nicht meins war.“

1966

Regina

„Ich bin zwischen den Kulturen aufgewachsen. Manchmal frage ich mich, wohin ich wirklich gehöre und wo meine Heimat ist?“

2000

Migrationale Dimension

Diese Geschichte der Migration ist komplex, da es nicht nur eine Einbahnstraße war: Auch viele Russen wanderten aus politischen Gründen nach Deutschland aus, insbesondere nach der Oktoberrevolution 1917. Sie konnten die neue politische Ordnung im Sowjetrussland nicht akzeptieren.

Kulturelle Dimension

In Deutschland bieten russische Supermärkte und Restaurants vertraute Speisen und Produkte, die sowohl Russlanddeutschen als auch anderen Kund*innen ein Gefühl von Heimat vermitteln. Gleichzeitig entstanden in Russland deutsche Restaurants, die deutsche Traditionen repräsentieren.

Wirtschaftliche Dimension

Die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen entwickelten sich seit den 1990er Jahren zunächst positiv und erreichten 2012 ihren Höhepunkt mit einem Handelsvolumen von 80 Milliarden Euro und einer „Modernisierungspartnerschaft“. Ab 2016 erholten sich die Beziehungen vorübergehend, aber der russische Angriff auf die Ukraine 2022 brachte einen erneuten Wendepunkt: Deutschland brach fast alle wirtschaftlichen Kooperationen ab und führte strikte Sanktionen ein.

Politische Dimension

Die deutsch-russischen Beziehungen im 20. und 21. Jahrhundert waren von einem ständigen Wechsel zwischen Kooperation und Konflikt geprägt. Deutschland unterstützte die Oktoberrevolution 1917 indirekt und trug später mit dem Rapallo-Abkommen (1922) zur Stabilisierung der Sowjetunion bei. Trotz ideologischer Gegensätze kam es zu Kooperationen, etwa dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939, der Russlands Aufstieg zur Weltmacht erleichterte.

03 / Deutsch-russische Beziehung

Wie zwei Nationen zwischen Einigkeit und Rivalität schwankten

Die deutsch-russischen Beziehungen waren geprägt von Wandel: von Katharina der Großen bis zum Kalten Krieg, von enger Handelskooperation bis zu Spannungen durch die Ukraine-Krise. Heute stehen wirtschaftliche Verflechtung und politische Differenzen im Fokus.

Heimat für mich bedeutet, der Ort, wo ich aufgewachsen bin, wo ich meine Kindheit verbracht habe.

Ein Ort an dem Menschen einen willkommen heißen, egal welche Nationalität man hat.

Heimat ist der Ort, wo ich und meine Familie sich sicher und wohl fühlen.

Der Ort dessen Kultur, Mentalität und Alltag länger und z.T. stärker auf mich gewirkt hat.

Wo man glücklich ist.

Eine Umfrage zum Heimatgefühl der Russlanddeutschen brachte einige zentrale Aussagen ans Licht:

Ich unterscheide in meinem Leben eigentlich zwischen meinem Zuhause also Deutschland und meiner Heimat Russland.

Это там, где я счастлива.

Место, куда хочется возвращаться снова и снова. Место, честью которого хочется быть.

Место где душа чувствует себя дома.

Ein Land an dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht und dort ein Leben aufgebaut habe.

04 / Heimat

Wie sich das Heimatverständnis im Laufe der Zeit verändert

Vor der Industrialisierung war er fest mit Dorf und Gemeinschaft verbunden. Mit der Urbanisierung wurde Heimat zur Sehnsucht nach Vertrautheit in einer fremden Welt. Im 19. Jahrhundert diente der Begriff zur politischen Identitätsbildung und wurde später ideologisch missbraucht.

Nach Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert wurde Heimat zu einem emotionalen Ort der Erinnerung. Heute ist sie flexibel und wandert dorthin, wo Menschen Geborgenheit und Verankerung finden.

(Geißler, 2010)
(Mitzscherlich, 1997)